Braunkohleförderung am Niederrhein: Wenn die Kindheit weggebaggert wird

Wer seit 2009 auf der A4 von Köln nach Aachen fährt, sieht kurz vor der Ausfahrt Weisweiler eine mächtige Stahlkonstruktion in den Himmel ragen, die vage an eine menschliche Figur erinnert. Was mag diese Figur sein, denkt sich der Reisende auf dem Weg in die Kaiserstadt oder darüber hinaus nach Belgien und in die Niederlande, und hat sie nach wenigen Minuten schon wieder vergessen. Für die Menschen in der Region Inden ist das nicht möglich: Für sie ist der Indemann, denn so heißt die Stahlkonstruktion, die 2008 im Rahmen der EuRegionale realisiert wurde, eine monumentale Erinnerung an den Braunkohle-Tagebau, der die Region seit vielen Jahren prägt. Gleich nebenan liegt der Tagebau Inden, der sich über 1295 Hektar ausdehnt, und dem bislang drei Ortschaften weichen mussten, darunter auch Inden selbst. Der Ort Pier, der den Baggern 2015 als nächstes zum Opfer fallen wird, gleicht schon heute einer Geisterstadt. In fast allen Häusern sind die Fenster mit Brettern vernagelt und die Geschäfte längst verlassen. In den Kneipen wurde bereits vor einigen Jahren das letzte Bier ausgeschenkt. Was der Verlust der Heimat für die Bewohner der betroffenen Dörfer bedeutet, lässt sich nur schwer beschreiben.

Karin S. mit Ihren beiden Kindern

Die RWE, die den Braunkohle-Tagebau im Rheinland betreibt, zahlt den Bewohnern der betroffenen Orte üppige Summen als Entschädigung für die Umsiedlung in neu erschlossene Wohngebiete in der Nähe. Doch auch ein nagelneues Eigenheim nur wenige Kilometer entfernt ist keine Entschädigung für den Verlust von Kindheitserinnerungen, erzählt die heute 40-jährige Karin S., die in Inden aufwuchs. Wir steigen zusammen mit ihren Kindern die 192 Stufen des Indemanns hinauf, um von oben den prächtigen Ausblick auf die von Agrarwirtschaft geprägte Jülicher Börde zu genießen. Ein Schild weist die Blickrichtung zum Kölner Dom an, oder sogar nach Berlin. Doch wo früher der Ort Inden lag, klafft heute ein riesiges Loch im Boden.

“Die Kinder haben Inden nicht mehr erlebt.”, so Karin S.,”Sie werden nie wissen, wo ihre Mutter zur Schule ging, in welcher Kirche sie getauft wurde und die Erstkommunion erhielt. Sie kennen das Haus in dem mein Bruder und ich aufwuchsen nur von Fotos und alten Super8-Filmen.” Auch für sie selbst war der Abriss von Inden ein harter Schlag. “Klar, Häuser können ersetzt werden, aber was ist mit dem Pflaumenbaum, in den ich als Kind fast täglich geklettert bin und den ich abgöttisch liebte? Mit den Wiesen hinter dem benachbarten Bauernhof, wo ich als Kind auf Ponys reiten lernte und mit anderen Kindern spielte?” Jeder heimatverbundene Mensch kennt das Gefühl von innerer Ruhe, das einkehrt, wenn man nach längerer Zeit in den Heimatort zurückkehrt und den Blick über den vertrauten Garten schweifen lässt, über vertraute Straßen und über die Dorfkirche mit dem kleinen Vorplatz, auf dem die Jugendlichen den “Tanz in den Mai” veranstalten und die Feuerwehr im Sommer zum Grillen einlädt.

Debriv 41 - Braunkohleabbau in Inden
© Bundesverband Braunkohle

Das Sterben von Inden dauerte sehr lange. Von Mai 1991 bis Ende 2003 siedelten die Indener nach und nach um, ehe das Dorf 2005 abgerissen wurde. Manche zogen in den neu erbauten Ort Inden/Altdorf, viele andere jedoch in andere Gemeinden – so wie Karins Eltern, die nach Eschweiler zogen. Bis heute zählt Inden/Altdorf nur 2000 Einwohner. Der kuriose Name mit dem Schrägstrich entstand, weil das benachbarte Altdorf, das ebenfalls abgerissen wurde, sich bei der Schreibung Inden-Altdorf zweitrangig behandelt fühlte. Das neue Inden/Altdorf wurde zwischen die bestehenden Dörfer Frenz, Lamersdorf und Lucherberg gebaut und verschmilzt mit ihnen allmählich zu einer Ortschaft. Die Bewohner von Pier sind ebenfalls schon umgezogen: Für sie wurde ein großflächiges Bebauungsgebiet bei Langerwehe erschlossen, das später Langerwehe-Pier heißen soll.

Die RWE sieht keine Alternative zur Umsiedlung einzelner Ortschaften um das kostbare braune Gold zu fördern. Auch wenn Deutschland immer mehr auf saubere Energie setzt, ist die Braunkohle bis heute ein wichtiger Energielieferant der Region Köln, der dazu auch tausende Arbeitsplätze sichert. Allein im Tagebau Inden werden jährlich bis zu 25 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert, die im nahegelegenen Kraftwerk Weisweiler in Energie umgewandelt werden. Zwar werden in Weisweiler jährlich 17 TWh Strom produziert (das sind 17 Millarden Kilowattstunden), doch zugleich gilt das Kraftwerk als drittgrößte Dreckschleuder Deutschlands und bringt es auf einen CO2-Ausstoß von 19,7 Millionen Tonnen pro Jahr.

 

Auch Autobahnen müssen für die Bagger weichen

Übersichtskarte des Reihnischen Braunkohlereviers
© Bundesverband Braunkohle

Auf einer Karte lässt sich von oben gut sehen, wie sehr der Braunkohleabbau die Landschaft westlich von Köln zerfressen hat: Östlich des Tagebaus Inden schließt sich der Tagebau Hambach an, für den bald ein Teilstück der A4 weichen muss. Der neue Teilabschnitt wird derzeit parallel gebaut, so dass es nicht zu größeren Einschränkungen beim Verkehr auf dieser wichtigen Ost-West-Achse kommen wird. Weniger Glück hatte die A44 im Nordrevier: Für den Tagebau Garzweiler II wurde der Teilabschnitt zwischen den Kreuzen Jackerath und Holz komplett abgerissen. Autofahrer zwischen Aachen und Düsseldorf müssen seitdem den Umweg über das Kreuz Wanlo in Kauf nehmen.

Von Garzweiler I zieht sich das rheinische Braunkohlerevier wie ein langer schmaler Streifen an Grevenbroich, Bergheim und Frechen vorbei bis nach Brühl. Die westliche Erweiterung des Tagebaus Garzweiler in Richtung Erkelenz – Garzweiler II – stieß bei Umweltschützern auf erbitterten Widerstand und war jahrelang heftig umstritten. Neben dem Sterben weiterer Dörfer in diesem Gebiet wird eine Gefährdung des Naturparkes Maas-Schwalm-Nette durch das Absinken des Grundwasserspiegels befürchtet. Doch auch hier war RWE unerbittlich: Seit 2006 rücken die Bagger gen Westen vor. Der Tagebau Inden ist klein im Vergleich zum Mammutprojekt Garzweiler: Pro Jahr werden hier über 200 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert und in den Kraftwerken Frimmersdorf und Neurath verarbeitet. Bis 2045 soll in Garzweiler noch Braunkohle gefördert werden – in Inden soll der Tagebau bereits 2035 sein Ende finden. Was dann mit dem Restloch geschieht, ist umstritten.

Indescher Ozean oder Industriegebiete?

Generell wird ein erschöpfter Tagebau wieder mit Erde gefüllt, die von den neu abgeräumten Gebieten kommt. Auf der rekultivierten Fläche entstehen neue landwirtschaftliche Flächen für die Bauern der Region, Straßen, Orte und Industriegebiete. Auch die Stadt Düren, zu der Inden gehört, erhoffte sich eine solche Rekultivierung für die Ansiedlung neuer Industriegebiete, doch die Bezirksregierung Köln sprach sich für die Flutung des Restloches aus. Der so entstandene See – der von der Bevölkerung schon jetzt den Spitznamen Indescher Ozean erhielt – soll dann als Naherholungsgebiet und Wassersportrevier dienen. Mit einer Fläche von 1160 Hektar wäre der Indesche Ozean der größte Binnensee in Nordrhein-Westfalen und verschlafene Dörfer wie Lucherberg würden sich auf einmal in perfekter Lage am Seeufer wiederfinden.

Dass diese “perfekte Lage” mit Risiken behaftet ist, bewies der Erdrutsch am Concordiasee im Harz. Auch im mitteldeutschen Braunkohlerevier in Sachsen-Anhalt hatte man sich entschieden, Restlöcher mit Wasser zu fluten. Der 350 Hektar große Concordiasee in der Nähe von Aschersleben wurde seit 2002 rege von Wassersportlern und Seglern benutzt. Sogar ein Passagierschiff verkehrte im Sommer auf dem See. Dies alles fand im Juli 2009 ein abruptes Ende, als in der am Seeufer gelegenen Siedlung Nachterstedt ein Hang wegbrach und in den See rutschte. Ein Einfamilienhaus und ein Teil eines Mehrfamilienhauses verschwanden dabei im Wasser. Die Schuld an dem Erdrutsch wurde bei einem leichten Erdbeben gefunden, das an diesem Tag die Region erschütterte.

Auch die Region Düren-Jülich gilt als erdbebengefährdet. Das letzte spürbare Beben fand 2002 statt und brachte es auf 4,8 auf der Richterskala. 1992 schaffte es ein Erdbeben auf der Richterskala sogar auf 5,9. Das Epizentrum lag damals im niederländischen Roermond direkt hinter der Grenze, doch die Auswirkungen waren bis weit hinter Köln zu spüren. Würde sich Karin S. über den Indeschen Ozean freuen? Sie weiß es nicht. “Schon der wesentlich kleinere Blausteinsee bei Eschweiler, der ebenfalls im Rahmen der Rekultivierung als Naherholungsgebiet angelegt wurde, wird nur mäßig angenommen.”, erzählt sie, “Ich weiß wirklich nicht, ob wir einen weiteren See brauchen.” Für sie selbst wäre der Indesche Ozean ohnehin kein Naherholungsgebiet: Sie wohnt längst mit ihrer Familie in Köln, in sicherer Entfernung des dörferfressenden Tagebaus.