Desertec bereichert Nordafrika und Europa

Junge Marokkaner beim Bau des Solarkraftwerkes in Ouarzazate
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Das marokkanische Ouarzazate am Fuß des Atlas-Gebirges ist derzeit noch ein verschlafenes Provinznest, das vor allem von Berbern bewohnt wird. Touristen verschlägt es eher selten in diese Region. Manche nutzen Ouarzazate als Ausgangspunkt für Trekking-Touren durch den Hohen Atlas oder entlang des Draa-Flusses in die Sahara, andere kommen um die nahegelegene Festungsstadt Ait Banhaddou zu besuchen, die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde.  Richtig lebendig wird es in Ouarzazate – dessen Namen in der Berbersprache passenderweise “lautlos” bedeutet – alle paar Jahre, wenn Hollywood in die Region einfällt. Seit Jahrzehnten nutzen Regisseure die malerische Wüstenlandschaft und die imposanten Berge des Atlas im Hintergrund, um in Zusammenarbeit mit den lokalen Atlas Studios in der Region Ouarzazate Filme zu drehen, die meist ganz woanders spielen: In “Lawrence von Arabien” doubelte sie Jordanien, in “Die Mumie” Ägypten und in “Königreich der Himmel” das heilige Land. Doch dies soll sich bald ändern: In Ouarzazate beginnt die Zukunft Marokkos als Lieferant von Solarenergie.

Pilotprojekt von Desertec in Beni Mathar
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Nach dem ersten erfolgreichen Pilotprojekt in Béni Mathar nahe der algerischen Grenze, dass die marokkanische Regierung in Zusammenarbeit mit der Desertec Foundation und europäischen Energieefirmen durchführte, soll 2012 mit dem Bau eines Solarkraftwerkes begonnen werden, das ab 2015 500 Megawatt Strom produzieren soll. Dies entspricht in etwa der Kapazität eines aktuellen Kohlekraftwerkes (zum Vergleich: Die heute größten Solarkraftwerke produzieren 50 MW).  Geplant ist, dass der größte Teil der produzierten Energie in den nordafrikanischen Ländern selbst genutzt wird, während etwa 15% nach Europa weitergeleitet werden soll – der Erlös soll dann weiteres Geld in die Kassen der Länder spülen.

Desertec bringt Marokko Arbeitsplätze und Zukunftsperspektiven

Schon jetzt herrscht in Ouarzazate Vorfreude auf das Solarkraftwerk, dass den Einwohnern nicht nur Strom liefern wird, sondern – und das ist den Marokkanern ganz wichtig – vor allem neue Arbeitsplätze.  Die Arbeitslosigkeit in Marokko liegt derzeit bei 9,1% und vor allem junge Leute sehnen sich nach besseren Zukunftsperspektiven. Die marokkanische Desertec-Projektleiterin Dr. Meriem Rezgaoui setzt auf die Photovoltaik:

Das neue Solarkraftwerk in Ouarzazate ist nur das Erste von insgesamt fünf Kraftwerken in Marokko, die die Sonne der Sahara in Energie umwandeln sollen. Marokko eignet sich ganz besonders als Pilotland für die ersten Desertec-Projekte, denn schon jetzt existiert eine Stromleitung nach Spanien, durch die auch der erste saubere Solarstrom befördert werden kann, erklärt Frau Dr. Rezgaoui. Und als einziges nordafrikanisches Land blieb Marokko von den Revolutionen des arabischen Frühlings verschont, da sich König Mohammed VI anders als die Machthaber in benachbarten Ländern dialogbereit zeigte und dem Drängen nach Reformen schnell nachgab.

Neben dem Aufbau der eigentlichen Solarkraftwerken werden auch hohe Investitionen in die Bildung geplant, um marokkanische Jugendliche für die anspruchsvollen Tätigkeiten fit zu machen. Mit Unterstützung der Desertec Foundation und in Zusammenarbeit mit deutschen Universitäten sind zwei neue Master-Studiengänge geplant, die außer in Marokko, auch in den benachbarten Desertec-Staaten eingeführt werden sollen um Ingenieure auszubilden. Dazu kommen weitere Ausbildungsgänge für das technische Personal, das die Anlagen später betreuen wird. Um die Aus- und Fortbildung der einheimischen Bevölkerung in Nordafrika und im Nahen Osten zu fördern, wurde das Desertec University Network gegründet, zu dem zwanzig Universitäten der Region gehören, die wiederum mit europäischen Universitäten eng zusammenarbeiten.

Während zunächst die Bewohner Marokkos von der Solarenergie profitieren werden, sind die neuen Solarkraftwerke in Marokko aber letztendlich nur ein Teil des geplanten Desertec-Projektes, das von europäischen und nordafrikanischen Regierungen finanziell unterstützt wird.

Die geplanten Solarkraftwerke in Nordafrika und die geplanten Hochspannungsleitungen nach Europa
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Ziel des Desertec-Projektes ist es, in der nordafrikanischen Sahara eine ganze Kette von Solarkraftwerken von Marokko im Westen bis nach Ägypten im Osten zu errichten, die günstigen Solarstrom auch nach Europa liefern. In bestimmten Regionen sollen zusätzlich Windparks entstehen, die von den entsprechenden klimatischen Bedigungen profitieren, zum Beispiel an der marokkanischen Atlantikküste und in der Nilregion Ägyptens. Von Desertec profitieren beide Seiten: Die nordafrikanischen Staaten benötigen dringend wirtschaftliche Investitionen und Zukunftsperspektiven für ihre junge Bevölkerung, die derzeit von hoher Arbeitslosigkeit und mangelnden Chancen geprägt wird, während die europäischen Staaten mehr saubere Energie benötigen, um den Abschied von CO2-ausstoßenden Kohlekraftwerken und von der gefährlichen Atomenergie zu beschleunigen.

Deutsche Ingenieurstechnik in Ägypten

Bilder des Hybridkraftwerkes Kuraymat südlich von Kairo in Ägypten
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Große Hoffnungen in das Desertec-Projekt setzen auch Ägypten und Tunesien, wo das Volk nach dem arabischen Frühling und dem Umsturz der langjährigen Diktatoren auf eine bessere Zukunft mit Arbeitsplätzen und Wohlstand hofft. In Ägypten wurde im Juni 2011 in Kuraymat, etwa 100 Kilometer südlich von Kairo, das erste Solarkraftwerk des Landes in Betrieb genommen, hinter dem neben dem ägyptischen Betreiber Orascom die Solar Millennium Gruppe aus Erlangen steht.

Bereits jetzt liefert Kuraymat etwa acht Prozent mehr Energie als geplant, wobei es sich jedoch nicht um ein reines Solarkraftwerk handelt, sondern um ein ISCC Kraftwerk  (Solar Combined Cycle Power Plant), das neben dem Sonnenlicht auch Erdgas zur Energiegewinnung nutzt. So kann die Anlage 24 Stunden pro Tag in Betrieb gehalten werden, auch wenn die Sonne nicht scheint. Die Erfahrungen, die beim Bau von Kuraymat gesammelt wurden, sollen nun auch in Marokko zum Einsatz kommen.

Neben der Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze sollen die nordafrikanischen Länder auch in anderer Form von Desertec profitieren:  Da die Bevölkerung in diesen Ländern ständig wächst, wird auch die Nachfrage nach Strom in den kommenden Jahren steigen. Dank der Solarkraftwerke können die Länder ihren Strombedarf relativ schnell mit sauberer Energie decken und auf den Bau umweltschädlicher Kohlekraftwerke verzichten. Dazu kommen die finanziellen Gewinne durch den Export der restlichen Solarenergie nach Europa, wo die Nachfrage nach Strom ebenfalls weiter steigt.  Dank erhöhter Stromkapazitäten können in den trockenen Wüstenländern auch weitere

Meerwasserentsalzungsanlagen in Betrieb genommen werden, die die Bevölkerung mit dem dringend notwendigen Trinkwasser  versorgen. Der Trinkwassermangel ist derzeit neben der politischen Instabilität und dem damit verbundenden Mangel an Investitionen eines der größten Probleme dieser Region. Schon jetzt drehen sich viele Konflikte im Nahen Osten um den Zugang zu wichtigen Wasserquellen und diese Konflikte werden sich durch die allgemeine Klimaveränderung und der Versteppung großer Landflächen noch verschärfen. Wohlhabene Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate setzen schon jetzt auf Meerwasserentsalzungsanlagen um den hohen Wasserverbrauch ihrer modernen Metropolen wie Dubai, Abu Dhabi und Qatar zu decken. Auch in den an das Mittelmeer angrenzenden nordafrikanischen Staaten können diese Anlagen in Zukunft dafür sorgen, dass der wachsende Trinkwasserbedarf gedeckt wird.

Solaranlage in Kuraymat
© Dii GmbH/Desertec

Bis zum Jahr 2050 sollen insgesamt 400 Billionen Euro in das Projekt Desertec fließen. Bis dahin soll der gesamte Energiebedarf der nordafrikanischen Staaten mit Solarenergie gedeckt werden und etwa 15% übrig bleiben, die nach Europa exportiert werden.  Dazu sollen Hochspannungskabel im Mittelmeer verlegt werden, die den Strom über 3000km transportieren können. Diese Technologie wird derzeit bereits in anderen Unterwasserleitungen eingesetzt, z.B. zwischen Norwegen und den Niederlanden oder vom italienischen Festland auf die Insel Sardinien. Während jede Kilowattstunde Solarenergie im Moment noch mit 15-25 Eurocent subventioniert wird, hofft man bei Desertec darauf, dass das steigende Angebot die Kosten in den kommenden zehn Jahren auf unter 10 Cent drücken wird. Die Dii GmbH, die das Projekt Desertec in Europa und Nordafrika verwaltet, hofft darauf, dass der Breakeven-Point für Desertec um das Jahr 2020, spätestens aber 2030 erreicht sein wird. 

Sollten sich die ersten Pilotprojekte als erfolgreich herausstellen, könnten vergleichbare Projekte auch in Asien gestartet werden, wo die endlosen Wüsten Zentralasiens die Megastädte des Südostens und Ostens mit Strom beliefern können. Bis dahin wird die ganze Welt zunächst auf das marokkanische Ouazazarte schauen.